Neben den offensichtlichen Themen, die uns im Laufe der aktuellen Pandemie betreffen, hat mich ein Phänomen ganz besonders erschüttert: die scheinbar unversöhnliche, hoch-emotionale Spaltung, die sich aufgrund des sehr vielfältigen Umgangs mit der momentanen Situation quer durch unsere Gesellschaft, Beziehungen, Freundschaften zieht. Ich habe einige sehr interessante Thesen dazu gelesen, die durchaus nachdenklich stimmen und zur inneren Arbeit auffordern können.

Toleranz, auch Duldsamkeit, ist allgemein ein Geltenlassen und Gewährenlassen anderer oder fremder Überzeugungen – soweit eine Definition.

Klugheit, Duldsamkeit, Demut und Toleranz harmonieren, bedingen einander aber nicht. Toleranz meint, in Ableitung von ihrer wörtlichen Herkunft, ein Dulden und Ertragen. Toleranz ist demnach Neutralität, nicht die der gottgefälligen Seele, sondern des aufgeklärten Verstandes. Toleranz urteilt nicht, sondern sieht. Toleranz ist ihrer Natur nach passiv und eignet sich nicht zur Rettung anderer.

Goethe ist in seinen “Maximen und Reflexionen” der Meinung, Toleranz solle nur eine vorübergehende Gesinnung sein, sie müsse zur Anerkennung führen. Nur Dulden heiße Beleidigen. Es fällt auf, dass sich Goethe nicht zur Frage äußert, was mit dem nicht Tolerierbaren zu geschehen habe. Für ihn ist alles Geistige tolerierbar und anerkennenswert, ohne Unterschied nach künstlerischer, religiöser oder politischer Überzeugung. Für ihn gibt es nichts, was nicht tolerierbar ist, keinen Gedanken, kein Wort, keine Idee. Was immer auch gedacht oder gesagt wird, ist anerkennenswert, weil es von einem Individuum gedacht oder gesagt ist. Diese Haltung zeigt einen fundamentalen Respekt für alles Menschliche und ist Humanismus in reinster Form.

 

Ein sehr praktische Erklärungsansatz der wahrgenommenen Spaltung sieht so aus:

  • Jemand hat eine Meinung, sagen wir er vertritt die Position A.
  • Ein anderer hat eine andere Meinung, er behauptet Nicht-A.
  • Also zwei Aussagen, jeweils Polaritäten darstellend, sozusagen das Gegenteil (z. B. demonstrieren in heutiger Zeit ist unverantwortlich vs. demonstrieren in heutiger Zeit ist verantwortliches Handeln).
  • Jetzt passiert etwas sehr spannendes. Der mögliche Diskurs wird nicht gesucht, sondern es folgt der Abbruch der Kommunikation (z. B. Austritt, Abwendung, Abwertung usw.)
  • Das ist der Urgrund der tagtäglichen Spaltung in unserer Gesellschaft. Wir führen keinen Diskurs mehr.
  • Jeder sagt seine Meinung. Punkt.
  • Während der andere spricht, sucht sein Gegenüber bereits nach Argumenten, warum dieser Unrecht hat.
  • Kein Zuhören, sondern sequentielle Wortbeiträge. Jeder lädt seine Argumentenpistole auf, während der andere spricht.
  • An dem Punkt, an dem einer den Eindruck hat, dass seine Argumente keine Wirkung erzielen, folgt ziemlich zeitnah ein Angriff auf persönlicher Ebene (persönliche Zuschreibungen, Abwertungen, …).
  • Damit ist der Schlag-Abtausch zu Ende. Die Personen trennen sich – meist gekränkt, enttäuscht und verhärtet.
  • Die Abwärtsspirale dreht sich weiter.

Ein Prozess, für den beide Personen verantwortlich sind. Der beide Personen unzufrieden macht – der die Spaltung darstellt, die wir jeden Tag aufs neue erschaffen.

Woher kommt es, dass wir als Gesellschaft die Kultur des Diskurses, des Dialogs verloren haben? 

These: Wenn wir es als Gesellschaft schaffen, wieder in einen wirklichen Austausch zu kommen, gewinnen alle.

Frei nach Rumi: “Jenseits von richtig und falsch gibt es einen Ort – nur dort können wir uns treffen.”

(Quelle: anonym)

Ergo: ohne gegenseitige Toleranz, d.h. das Erdulden anderer Meinungen, Haltungen (Gedanken sind frei!), werden diese gespaltenen Beziehungen zerbrechen. Wir müssen (wieder) lernen, der Fantasie Raum zu geben, auch “auf der anderen Seite” stehen zu können, Verständnis zu haben für andere Ängste als unsere eigenen. Keine Angst hat mehr Berechtigung als eine andere. Angst ist eine Emotion, die ungefragt auftritt und das Ich muss einen neutralen Verstand einschalten. Nur ein toleranter Diskurs eröffnet das Feld für ein Umdenken, Neuorientierungen und Veränderungen, denn wenn jeder auf seiner festgefahrenen Meinung beharrt und nur nach Bestätigung dieser sucht, werden wir uns als Individuen und Gesellschaft nicht weiterentwickeln und unsere Energie mit unkonstruktivem Streit und Rechthaberei verschwenden. Konstruktiver Diskurs darf auch laut und kontrovers werden, aber eben nicht intolerant und persönlich abwertend. Auch wenn es einfacher ist, abweichende Meinungen einfach unter einem abwertenden Begriff abzutun, damit man sich selbst nicht weiter damit auseinandersetzen muss. Er erfordert die Neutralität des aufgeklärten Geistes, der sieht, ohne zu urteilen. Eine große Aufgabe, die sich aber lohnt.

Das sollten wir üben, denn nur gemeinsam können wir an einer Verbesserung arbeiten und Neues erschaffen. Wir werden alle verfügbare Energie brauchen. Kommen wir also (wieder) in einen toleranten, wohlwollenden, verständnisvollen Diskurs, der andere Meinungen einfach zulässt, eigene Meinungen überdenken oder sogar revidieren lässt für ein bestmögliches Ergebnis für alle Beteiligten und am Ende für das Große Ganze. Wir sind aufeinander und unseren Planeten angewiesen…