Diese Frage muss ich mit einem klaren “nein” beantworten und fange am Besten von vorne an.

“Was ist Yoga überhaupt?” haben mich meine Kinder gefragt als sie noch kleiner waren. Was antwortet man darauf? Ich habe ihnen damals versucht zu erklären, dass es zwar nach schöner Gymnastik aussieht und sich großartig anfühlt, dass es mir darüber hinaus aber hilft, im Alltag mehr bei mir zu bleiben und mich nicht so schnell aus der Ruhe bringen zu lassen – mit unterschiedlichem, aber stetig wachsendem “Erfolg”.

Grundsätzlich ist Yoga für jede/n etwas anderes, ganz individuelles, weshalb diese Antwort jeder Mensch für sich selbst finden wird. Es gibt in unserer westlichen Welt zwei wesentliche Einstiegsgründe für Yoga, nämlich die körperlichen Aspekte und die im weitesten Sinne Entspannungs-Aspekte. Diese sind untrennbar miteinander verbunden und haben natürlicherweise ihren Platz im Yoga, doch darüber hinaus ist es so viel mehr. Im Grunde genommen ist das ganze Leben eine nicht endende Yoga-Praxis und je “besser” wir auf der Matte “lernen”, desto besser können wir mit dem Fluss des Lebens abseits der Matte, den wir häufig nicht kontrollieren oder steuern können, mit fließen.

Die eigentliche Yogapraxis verändert sich im Laufe der Zeit und der Weg des Yoga ist einzigartig. Yoga ist einzig und allein eine Erfahrung und die muss man erleben, um sie zu kennen. Patanjali, indischer Gelehrter, Verfasser des Yogasutra

Wir können lernen, unabhängiger von den Bewertungen Anderer zu werden und selbst weniger wertend Anderen gegenüber zu sein. Das ist eine sehr befreiende Erfahrung.

Wir können unsere Ängste kennen lernen, sie anschauen, bestenfalls relativieren oder zumindest mit ihnen arbeiten, denn sie gehören zu uns so wie alle Gefühle. Wenn wir auf der Yogamatte immer wieder die Erfahrung machen, dass manche Ängste hilfreich sind, um uns vor unkontrollierten Bewegungen und damit möglicherweise Verletzungen zu schützen, dass andere Ängste wie beispielsweise davor, sich in den Augen der Anderen ungeschickt anzustellen, völlig irrelevant sind, können wir das irgendwann auch in unseren Alltag transportieren.

Insgesamt stellt sich mit der fortschreitenden Yogapraxis immer mehr das fühlende Wesen in den Vordergrund vor das bloße Asana (körperliche Yoga-Übungen) – ausführende Wesen. Es wird immer wichtiger, wie sich die Asanas anfühlen und weniger, wie sie aussehen. Je fortgeschrittener der Yogi/die Yogini ist, desto mehr konzentriert er/sie sich auf die persönliche Entwicklung, sowohl auf der Matte als auch abseits. Desto wichtiger wird außerdem die Verbindung mit “Allem”, mit der gesamten belebten Umwelt.

Es wächst die Bewusstheit, dass der esoterisch anmutende Hippie-Gedanke des allumfassenden Friedens tatsächlich in jedem Einzelnen von uns beginnt: “Friede beginnt damit, dass jeder von uns sich jeden Tag um seinen Körper und seinen Geist kümmert.” Thích Nhất Hạnh, vietnamesischer buddhistischer Mönch, Schriftsteller und Lyriker. Denn wenn wir alle unseren inneren Frieden finden, der in uns allen wohnt, gibt es keinen Grund für Unfrieden untereinander…

Du bist nicht auf der Erde, um unglücklich zu werden. Doch Glück ist allein der innere Friede. Lern ihn finden. Du kannst es. Siddhartha Gautama Buddha, Begründer des Buddhismus, lebte um 500 v. Christus

Gibt es einen Unterschied zwischen Glück und innerem Frieden? Ja. Glück hängt von Bedingungen ab, die als positiv wahrgenommen werden; innerer Frieden nicht. Eckhart Tolle, spiritueller Lehrer und Autor.

Warum der Atem so wichtig ist

Gemütsruhe liegt jenseits des Endes der Ausatmung. Wenn ihr also sanft ausatmet, ohne dass ihr auszuatmen versucht, dann tretet ihr in die vollständige, vollkommene Ruhe eures Geistes ein.” Suzuki Shunryu

Meditation gehört dazu

“Für Menschen, die regelmäßig Meditation praktizieren, werden innere Erfahrungen von »Leerheit« das erste Zeichen dieser neuen Stufe des spirituellen Wachstums sein. Die Welt scheint ihre Solidität zu verlieren, nichts ist fest gefügt und dauerhaft wie zuvor, und dennoch erscheint dies ganz natürlich, ohne das geringste Gefühl von Entfremdung. Wenn das Ego bereit ist, sich von einer festen Vorstellung von der Welt zu lösen, wächst unsere geistige Klarheit während der Meditation, das »Gefühl« verblasst und hinterlässt den Geist in kristallener Klarheit.” Lama Gendün Rinpoche, (* 1918 in Tibet; † 31. Oktober 1997)

So wie der Grund eines Sees deutlich sichtbar wird, wenn die Wellen an der Oberfläche sich legen, so kann das wahre Selbst wahrgenommen werden, wenn sich die Erscheinungsformen des Geistes legen. Swami Sivananda Saraswati, Yoga-Meister, Vedantalehrer, (8.9.1887 – 14. 7.1963)

Ich habe entschieden, glücklich zu sein, weil es meiner Gesundheit bekommt. Voltaire, eigentlich François-Marie Arouet, französischer Philosoph und Schriftsteller, * 21. November 1694 in Paris; † 30. Mai 1778 in Paris.

Insofern könnte Yoga in seinem ursprünglichen Sinne, abseits der schicken Yoga-Journal-Fotos von scheinbar unerreichbaren Yoga-Posen, dazu beitragen, uns alle zu friedlicheren und damit glücklicheren Menschen zu machen, die gerne ihren Beitrag für unseren Planeten leisten.

Alles, was nötig ist, um ein bestmögliches, erfülltes Leben zu leben, ist schon in uns.